26
Mai
2014

Das Hummelgleichnis

Ich habe in letzter Zeit echt zugenommen. Wenn ich eine Waage hätte, würde die bestimmt sagen: 16,7 Kilogramm über Normalgewicht, oder irgendsowas total genaues. Tut sie aber nicht, denn ich habe keine Waage. Ich kann nur, wenn ich im Stehen an mir runtergucke, meinen Mittelfuß nicht mehr sehen, wenn ich eingeatmet habe. Und ich lasse mir zur Sicherheit einen Bart am Kinn stehen, um das mögliche Doppelkinn nicht im Spiegel betrachten zu müssen. Deswegen haben die meisten etwas pummeligen Typen Bärte. Nicht, weil das so unglaublich gut aussieht. Aber immerhin besser als glattrasiert mit Schwabbelhals unter'm Kinn. Wie auch immer. Ich muss also was dagegen unternehmen, sage ich mir. Joggen ist echt nicht mein Ding, im Moment ist noch nicht mal Treppensteigen wirklich mein Ding, und das, obwohl ich seit über vier Monaten nicht mehr rauche. Ich hab aber auch schon seit September 2013 nicht mehr wirklich Sport gemacht, insofern ist das echt kein Wunder mit der Wampe.

Deswegen bin ich heute in den Media-Markt gegangen, in dem festen Bewusstsein, dass, egal welchen Sport ich nun machen würde, es ohne Musik zu langweilig werden würde. Ich kaufte mir ein Paar In-Ear-Kopfhörer mit Bügel (Modell "Sports Active, wasser-resistent". Ah ja, Wasser also. Ja, das wird das kleinste Problem dieser Kopfhörer sein.) für 15 Euro und war schon so beschwingt und guten Mutes, dass ich es damit fast schon für genug Sport an diesem Tag erklärt hätte. Aber dann flog die Sicherung raus und ließ sich auch zehn Minuten Lang nicht wieder reindrehen.

Fünf Minuten später stand ich in Sportklamotten und Basketballschuhen, mit Basketball unter dem Arm, am Kiosk an der Ecke. Eine Flasche Apfelschorle auf die Hand, auf zum Basketballplatz. Dort angekommen, sah ich einen kleinen, dicken Jungen mit seinem nicht viel größeren, aber dafür um so dickeren Vater Fußball spielen. Zum Glück gab es neben den Basketballkörben, die im umzäunten Fußballplatz über den Toren hingen, noch einen dritten, freistehenden Basketballkorb, so dass man sich als Baller mit den Kickern nicht in die Haare bekommen muss. Ich machte also meine Freiwürfe vor mich hin, dribbelte ein wenig gegen imaginäre Gegner, die ziemlich schlecht verteidigten, und warf einen Korb nach dem anderen. Zumindest traf ich so oft, dass ich auf einmal merkte, dass der kleine, dicke Junge aufgehört hatte, Fußball zu spielen, und mir recht gebannt zuguckte. Er sagte etwas, das ich wegen meiner neu gekauften, Wasser-resistenten Sports-active-Kopfhörer, die ziemlich mit dem in Strömen rinnenden Schweiß zu kämpfen hatten, aber immerhin bis hierhin nicht aus den Ohren gerutscht waren, wegen denen also, konnte ich nicht hören, was der kleine, dicke Junge - nennen wir ihn Kostas, er sah irgendwie griechisch aus - was der zu mir sagte. Ich pflückte einen Stöpsel am Kabel raus: "Häöää?" "Spielst du im Verein? Du triffst ja fast immer!" Ich konnte, mit der mir üblichen Bescheidenheit nur wahrheitsgemäß antworten: "Seit ich 11 Jahre alt bin, nicht mehr. Aber danke." Dann kamen die Kopfhörer rein, und mir wurde klar, warum Kostas nicht mehr mit seinem Vater Fußball spielte. Eine andere Gruppe Jungs in Kostas Alter, aber deutlich sportlicher als er, war angekommen und hatte ihn von dem einen Tor vertrieben. Daraufhin hatte sich sein Vater schwitzend an den Rand des Spielfeldes auf eine Bank gesetzt, und Kostas hatte zwar noch einen Ball und ein Tor, das war ihm aber irgendwann langweilig geworden. Der Ball war außerdem ziemlich platt, wie ich zwischendurch bemerken konnte, als er bei einem Weitschuss in meine Richtung über den Zaun geflogen war, und ich ihn zurückgeschossen hatte.

Dann kamen noch mehr Kids, und die spielten alle fröhlich Fußball, nur den dicken Kostas ließen sie nicht mitspielen. Und das, obwohl er sich sogar bei der Torwartwahl, die traditionell sadistisch per "Stell dich ins Tor und wir alle schießen dir aus zwei Metern Vollspann auf den Arsch, und wer am häufigsten vorbeischießt, muss ins Tor. Ups, wir haben jeder jedes Mal getroffen." durchgeführt wurde, freiwillig als Ziel gemeldet hatte. Recht trostlos saß Kostas dann auf der Bank, auf der vorhin noch sein Vater gesessen hatte, der zwischenzeitlich verschwunden war. Ich war unterdessen weiter in der Zone. Gefühlte Trefferquote von 80% von der Freiwurflinie und 75% aus dem Feld. Kostas saß eingeschnappt da und hielt seinen mittlerweile halb platten Fußball, der von den anderen Jungs richtig kaputtgebolzt worden war, mit beiden knubbeligen Händen vor dem Bauch fest. Ich hatte den Eindruck, er würde gleich anfangen, zu weinen. Aber dann zog er die Nase hoch, warf den Ball trotzig zu Boden und kam auf mich zu. Er sagte etwas. Ich erwiderte, mit der mir gottgegebenen Eloquenz, einen Stöpsel aus dem Ohr ziehend: "Hääää?" Erneute Frage: "Kann ich mitspielen?" Instinktiv zuckte ich zusammen und erinnerte mich daran, dass er vielleicht sieben oder acht Jahre alt war und es weder ihm noch mir etwas bringt, wenn ich ihn jetzt darauf hinweise, dass das grammatisch korrekt heißen sollte "Darf ich mitspielen?". Außerdem ignorierte ich die Tatsache, dass er ungefähr so breit wie hoch war, denn Ehrgeiz blitzte in seinen kleinen Augen. Ich sagte mehr beiläufig: "Warum nicht?" und warf ihm einen Bodenpass zu, den er unbeholfen fing, direkt unter dem Korb stehend, und umso unbeholfener versuchte, im Korb unterzubringen.

Das ist das absolute Gegenteil von Eleganz. Das ist eine Hummel, die mit verklebten Flügeln auf dem Rücken liegt, über sich gebeugt die Manifestation der Physik, die sie anschreit: "Siehst du?! Ich hatte Recht!! Du kannst nicht fliegen!!"

Er wirft ungefähr fünfzehn Mal. Er trifft keinen einzigen Versuch. Manchmal ist es knapp, manchmal erreicht er nicht einmal die Höhe des Korbes, aber er saugt begierig jeden kleinen Tipp bezüglich Wurfhaltung und -position auf, den ich ihm gebe, und probiert, sie umzusetzen. Nach einer Weile beginnt er, immer knapper daneben zu werfen. Mittlerweile sind wir bei locker dreißig vergeblichen Versuchen angekommen. Aber er rennt jedem vom Ring oder vom Brett abspringenden Ball hinterher, und wirft sofort wieder. Er gibt einfach nicht auf. Und dann steht er an der Freiwurflinie, dreht sich zu mir um (ich stehe hinter ihm), guckt mich mit glücklich blitzenden Augen an (ich vermute, er fühlt sich dank meiner steten Ermutigung akzeptiert und ernst genommen, und das brauchen Menschen, um Höchstleistungen zu vollbringen) und wirft. Rückwärts zum Korb stehend. Mit seinen kleinen, dicken Armen. Die es irgendwie gerade hinkriegen, lang genug zu sein, dass er sich den Ball nicht selbst gegen die Stirn haut. Und während der Ball fliegt, guckt er mich siegessicher an. In diesem Moment schüttelt die von der Physik zurechtgestutzte Hummel trotzig ihre Flügel trocken, richtet sich auf, und fliegt los.

Und der Ball versinkt im Korb. Ich klatsche Beifall. Der zufällig in dem Moment wieder mit zwei Cornetto-Eis in der Hand vom Kiosk zurückkehrende kleine, dicke Vater steht mit offenem Mund da, und würde klatschen, wenn er beide Hände frei hätte. Kostas' kleine, dicke Schwester, die neben dem kleinen, dicken Vater steht, nimmt ihr Eis in den Mund und klatscht Beifall. Die Jungs vom Fußballplatz haben es mitbekommen und klatschen auch Beifall. Zufällig vorbeigehende Passanten klatschen, der Beifall steigert sich zu einem Sturm. Ein Ü-Wagen von Sport 1 hält mit quietschenden Reifen am Straßenrand, Frank Buschmann steigt aus und rennt zum kleinen, dicken Kostas rüber, nimmt ihn auf den Arm und brüllt sich vor lauter Superlativen die Stimmbänder kaputt.

Als ich rübergehe, um mit Kostas abzuklatsche, schmeckt es in meinem rechten Mundwinkel ein kleines bisschen salzig.

Optionaler Epilog: Wenn ich mir das nächste Mal Absagen einhandele, oder denke, dass ich etwas nicht schaffen kann, weil es zu schwer ist oder ich vorher schon versagt habe...dann werde ich an die Hummel denken. Und an den kleinen, dicken Kostas, und wie er es einmal geschafft hat, aus über viereinhalb Metern Abstand den Ball rückwärts im Korb zu versenken.

11
Jul
2013

Ein Rundgang durch Hamburg City

Jungs und Deern, Groß und Klein, alle sollten mal nach Hamburg kommen. Hier gibt's den ganzen Tag lang was zu sehen und zu tun. Ein typischer Samstag auf dem Kiez in Hamburg beginnt bei Kaffee und Bagels in der Schanze und endet auf dem weltberühmten Altonaer Fischmarkt. Dazwischen liegen 18 Stunden Sightseeing, Genuss, Dekadenz und Wahnsinn.

Wer weniger auf das großstadtypische Convenience-Food-Frühstück inklusive sirupschwangerem Soja-Latte steht, das es mittlerweile quasi überall gibt, ist bei Henry's Frühstücksstube im Schanzenviertel gut aufgehoben. Riesige Portionen bei Mittagessen und Frühstück zu fairen Preisen sind die Regel. Ohne Ausnahme. Hier trifft man die arbeitende Bevölkerung, weniger die Upperclass. Am frühen Morgen nüchtert hier auch gerne das Partyvolk vom Hamburger Berg aus, aber dazu kommen wir später.

Gut gestärkt kann man sich nun mit einem der zahlreichen Doppeldeckerbusse auf die Rundreise machen, muss man aber nicht. Auch zu Fuß lässt sich die Innenstadt von Hamburg gut erkunden. Zwischen Schanze und Mönckebergstraße liegen zwar ein paar Meter, dennoch sollte man sie oberirdisch überbrücken: Denn nachdem man das Karolienenviertel mit einem Umweg durch den Schanzenpark großräumig umgangen hat, wird man mit der Naturidylle in Planten und Blomen belohnt, an die sich der alte botanische Garten anschließt. An der Kreuzung Dammtorstraße/Gorch-Fock-Wall angekommen, sollten im ausgedehnt langsamen Schlendertempo schon gut eineinhalb Stunden vergangen sein, jedenfalls lohnt sich ein Blick auf die prächtigen Gebäude, unter anderem die alte Oberpostdirektion, das Kasino, die Oper und die umliegenden Klinkerbauten entlang der Dammtorstraße.

Wenn man der Dammtorstraße bis zum Gänsemarkt folgt, ist man von all den Läden und weiteren Angeboten schon schier erschlagen, aber es wird noch besser. Links abgebogen geht es in Richtung Binnenalster, und nachdem die bis zu achtstöckigen Gebäude einem vorher ein wenig die Sicht aufs Land genommen haben, wird dort mit Blick auf's Wasser der Kopf sofort frei. Vom Jungfernstieg hat sicher jeder schon mal gehört, nur selbst dort zu stehen und all die Segelboote, Surfer und Touristenkähne auf dem blitzend blauen Wasser zu sehen, ist etwas ganz anderes. Ein Blick zum Hotel Atlantic rüber, einmal winken für Udo Lindenberg, dann geht es weiter in Richtung Rathausmarkt. Vor dem imposanten Regierungsgebäude kann man kurz innehalten, muß man aber nicht, reingehen sollte man auf jeden Fall. Im Erdgeschoss finden sich wechselnde Ausstellungen über die Hamburger Stadtvergangenheit, und dieses Haus atmet Geschichte. Hier kann man ohne Probleme eine weitere Stunde verbringen.

Wieder vor der Tür ist es nur noch ein Katzensprung zur Mönckebergstraße. Hier kann man viele Straßenkünstler bewundern, von der Breakdancegruppe zum Wandergitarrenpunker, Porträtzeichner und Kinderliedermacher mit Animation ist alles dabei, und für sein Kleingeld bekommt man wirklich etwas geboten. Auch läuft man bisweilen einem recht skurrilen "Das-Ende-ist-nah,-Bereut-Eure-Sünden!"-Prediger über den Weg, der zwischen Rathaus und Hauptbahnhof seine Runden dreht. Er ist aufgrund seiner sehr lauten Stimme kaum zu überhören und auch das riesige Holzkreuz, das er wahlweise wie Jesus auf dem Rücken trägt - oder über dem Kopf schwenkt, während er seine Litaneien in die verblüfften Passanten schmettert. Dieser Kollege will aber kein Geld, er will nur deine Seele. Schützen.

Und dann steht man auch schon, eh man es sich versieht, am Hauptbahnhof, hat, falls vorhanden, wahrscheinlich schon eine Menge Geld ausgegeben und weiß nicht wohin mit all den Taschen und Tüten. Zum Glück gibt es die Gepäckaufbewahrung. Nachdem das erledigt ist, lohnt es sich, kurz unter die Erde zu verschwinden und mit der U3 in Richtung St. Pauli zu fahren. Mittlerweile ist es locker 14 Uhr, also ist das Tagesgeschäft auf der Reeperbahn eröffnet. Außerdem eröffnet sich dem geneigten Betrachter, wenn er auf der richtigen Seite der Bahn sitzt(Kleiner Tipp: in Fahrtrichtung links), in der Anfahrt zur Haltestelle "Landungsbrücken" ein mäjestätischer Ausblick über den Hafen und die größte Bauruine der jüngeren Vergangenheit Hamburgs, die Elbphilharmonie.

An den Landungsbrücken ausgestiegen, hat man nochmals die Möglichkeit, eine Busrundreise zu machen, die fahren hier nämlich mindestens stündlich ab, aber das ist nur was für Touristen. Echte Hamburger machen das auf eigene Faust klar! Also frisch die Promenade entlang, bis zur Brücke 10 ist es ein ganzes Stück. Da kann man sich dann aber in der Strandbar "Strandpauli" gemütlich hinlegen und bei Spitzenessen und tropischen Cocktails eine Runde im Liegestuhl dösen.

Danach wird es im Sekundentakt kieziger. Die Davidstraße entlang in Richtung Reeperbahn ist gepflastert mit Absteigen und solchen, die es werden wollen, das ist nur was für echte Seebären. Auf dem Weg empfiehlt sich die rechte Straßenseite, falls man nicht von den Bordsteinschwalben angesprochen werden möchte, außerdem ist auch die berühmte Davidwache auf dieser Straßenseite. Da besteht wahrscheinlich ein Zusammenhang. Falls es noch früh genug ist, lohnt sich jedoch ein Besuch im St. Pauli Museum auf der ominösen linken Straßenseite, an der Ecke Friedrichstraße.

Und wenn die einen rauswerfen, ist es spätestens Zeit für das erste Bier. Manche bevorzugen Astra, manche bevorzugen Holsten, manche mögen lieber Champagner. Gibt's alles, kein Problem, bloß rüber über die Reeperbahn und ab in den Hamburger Berg. Hier sind die Möglichkeiten mannigfaltig, im "Lucky Star" geht es aber immer rund. Das liegt zum einen an den preiswerten Kurzen, unter anderem dem großartigen selbstgemachten Mexikaner, und zum anderen an der Beschallung. Hier gibt es nämlich keinen DJ, der sich zur Jukebox machen lässt, hier gibt es tatsächlich eine Jukebox. Pflichtbesuch.

Und von hier bis zum Fischmarkt lasse ich euch dann mal allein. Möglichkeiten gibt's genug, das Geld liegt auf der Straße und das große Glück ist nur einen Kuss entfernt. Eine kurze Liste mit Namen meiner persönlichen Favoriten kann ich euch aber noch mitgeben:

Headcrash (Hamburger Berg)
Kaiserkeller (Große Freiheit)
III&70 (Schanzenstraße)
Cobra Bar (Friedrichstraße)

Das sind alles keine schnieken Upperclass-Läden, aber sie sind ehrlich, und die Musik ist laut, und die Leute sind korrekt. Manchmal muss man zum Rauchen vor die Tür gehen, manchmal nicht. Und immer wird man auf die eine oder andere Weise seinen Spaß haben.

Und wie versprochen endet der Tag um 5 Uhr morgens auf dem Fischmarkt. Das ist wieder ein bisschen in Richtung Süden, an der Elbe, hier kann man sich bei Fischbrötchen und Kaffee von den Marktschreiern in den Schlaf singen lassen. Wenn man das denn will.

2
Jul
2013

...und nein, ich habe es mir nicht ausgesucht.

Ich will mal über ein unangenehmes Thema schreiben. Laut aktuellen Statistiken(1) betrifft es 5,4% aller erwerbstätigen Deutschen, das sind nach Adam Riese knapp 2.300.000,53 Menschen, wobei ich mich frage, ob die Nachkommazahl lediglich eine Teilzeitstelle oder tatsächlich einen halben Menschen meint. Verraten, worum es geht, habe ich jetzt auch schon fast, es geht um Arbeitslosigkeit.

Alles, was ich hier schreibe, ist vollkommen subjektiv und sehr gefühlsbasiert. Abgesehen von den Zahlen da oben. Einer von denen bin ich. Und nein, ich habe es mir nicht ausgesucht. Das ist das, was mich am meisten stört. In meiner Wahrnehmung der öffentlichen Wahrnehmung sind Arbeitslose entweder vom Schicksal verfolgte, betriebsbedingt Gekündigte, oder faule Schmarotzer, die noch nie in ihrem Leben einen Handschlag getan haben, und das auch nicht planen.

Nun, ich bin eigentlich keins von beidem, aber es kommt mir so vor, als würde ich trotzdem oder gerade deswegen eher in die zweite Kategorie eingeordnet. Ich bin offiziell seit dem 1. April 2013 arbeitslos. Vorher war ich etwas über einen Monat lang freigestellt, habe mein Gehalt noch gekriegt, also seit Ende Februar außer Bewerbungen schreiben kaum was zu tun gehabt, möchte man meinen. Falsch. Ich habe mir mein Hartz 4 als Pizzafahrer aufgebessert, und das ist ein Fulltime-Job. Für 5,50 die Stunde. Herzlichen Glückwunsch, lieber Uni-Absolvent, willkommen in der freien Wirtschaft.

Und ich will mich nicht hauptsächlich über Institutionen oder Arbeitgeber beschweren, die mich abgelehnt haben, denn a) macht das Jobcenter Harburg einen traumhaften Job, zumindest im Vergleich zu den Kollegen in Leipzig, die ich auch schon kennenlernen durfte, und b) liegt das zweite wohl eher daran, dass ich mich für den falschen Job beworben habe, oder meine Bewerbung nicht aussagekräftig genug war, als an der Unfähigkeit der Personaler, mein Talent und meine Eignung zu erkennen. Wobei es dafür auch Gegenbeispiele gibt, ich erinnere mich an einen Artikel, in dem Personaler erzählten, dass sie sich doch mit den eingestellten Personen überhaupt nicht beschäftigen müssen, das Problem hätten ja andere Leute(2).

Nein, was mich wirklich nervt, ist das soziale Stigma, das mit der Arbeitslosigkeit einhergeht. Nicht zuletzt dank der Tatsache, dass auf Partys häufig der zweite oder dritte Satz jeder Unterhaltung "Und, was machst du so?" ist, komme ich ins Schwanken. Früher war's halt "Ich studiere Amerikanistik und Skandinavistik. Nein, nicht auf Lehramt." Und während man sich dann häufig noch mit der Nachfrage "Was willst du denn damit werden?" herumschlagen musste - an dieser Stelle konnte ich meistens beruhigtes und anerkennendes Kopfnicken mit meiner Antwort: "Journalist!" ernten, sieht es doch jetzt ganz anders aus. Egal, was ich antworte, ich versuche krampfhaft, das Wort "arbeitslos" zu vermeiden. "Ich jobbe zur Zeit beim Pizzaservice und schreibe Bewerbungen." "Ich bin Praktikant bei Alsterradio (gewesen), und jetzt schaue ich mich gerade nach etwas neuem um."


Warum? Weil es mir teilweise peinlich ist, arbeitslos zu sein. Weil ich mich nicht wie ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft fühle. Weil ich mich nicht angesehen fühle. Merkwürdig. Will ich so sehr "etwas sein", nur um einfach nicht nichts zu sein? Krank.

An dieser Stelle also mein Abschlussplädoyer: Nein, ich bin nicht stolz darauf, arbeitslos zu sein. "Arbeitslos und Spaß dabei" existiert in meinen Augen nur als Floskel. Denn es ist traurig. Es bedrückt mich jeden Tag, dass ich keinen Job habe, denn ich weiß von meinen Berufserfahrungen und Praktika, dass fast jeder Mensch etwas zu tun braucht. Zumindest ich. Klar, manche Leute können super damit leben, Hartz 4 zu bekommen und den ganzen Tag World of Warcraft zu zocken, und auch ich habe im ersten Moment, nachdem ich die Enttäuschung über den Jobverlust verarbeitet habe, erst mal tief durchgeatmet und dann ein wenig angefangen zu lächeln, aber: Ich habe mir das hier nicht ausgesucht. Ich will einen Job. Ich will arbeiten, ich will meine Talente nicht brachliegen lassen und hier herumvegetieren. Ich will, dass diese Horrorstory ein gutes Ende hat. Deswegen schreibe ich Bewerbungen, manchmal halbherzig, weil es eben in meinem angestrebten Berufsfeld liegt, manchmal voller Enthusiasmus, weil das einer der Traumjobs ist, die ich auf meiner imaginären Traumjob-Liste herumspuken habe, und manchmal zurückhaltend, weil ich nicht weiß, ob ich überhaupt der Richtige für diesen Job bin.

Aber ich schreibe sie nicht als Alibi. Denn ich will einen Job. Und ich werde einen bekommen, der zu mir passt. Es ist nur eine Frage der Zeit. Bis dahin noch viel Spaß auf dem Arbeitsmarkt. Und bitte hab noch etwas Geduld, Mama.

(1) https://www.google.de/publicdata/explore?ds=z8o7pt6rd5uqa6_&met_y=unemployment_rate&idim=country:de&fdim_y=seasonality:sa&dl=de&hl=de&q=arbeitslosenquote%20deutschland#!ctype=l&strail=false&bcs=d&nselm=h&met_y=unemployment_rate&fdim_y=seasonality:sa&scale_y=lin&ind_y=false&rdim=country_group&idim=country:de&ifdim=country_group&hl=de&dl=de&ind=false
(2) http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/bewerbungen-mannschaftssport-verraet-nichts-ueber-teamfaehigkeit-a-851267.html

12
Mrz
2013

I <3 Heart of the Swarm, but...

Eins vorweg: Schon länger habe ich nicht mehr so lange auf ein Spiel gewartet, dem Releasedate entgegengefiebert, Tage im Kalender abgestrichen, mich darüber gefreut, beim Release arbeitslos zu sein...die Liste hier wird langsam unrealistisch. Trotzdem: 4,9 von fünf Sternen für Blizzards Starcraft 2: Heart of the Swarm.

Wie sich die fünf Sterne zusammensetzen, ist schnell erklärt(und dabei beziehe ich mich nur auf die Einzelspieler-Kampagne): Best. Story. Ever(continued). Ich kann es jetzt, einen Tag nach dem Erscheinen kaum erwarten, dass die SC2-Trilogie fortgesetzt wird bzw. im dritten Teil, Legacy of the Void zum Ende kommt. Aus zwei Gründen: Erstens, weil das kleine Krümelchen Hollywoodkinogucker natürlich immer noch das Happyend zwischen Jim Raynor und Sarah Kerrigan erleben will (Spoiler Alert: Es gibt nen Cliffhanger am Ende), und zweitens, weil die da meinentwegen noch fünf Teile dranhängen dürfen, wenn die alle so einen unglaublich guten Flow haben. Das spricht erstens für die weiterhin fesselnde Story, die nahtlos an den ersten Teil anknüpft, und zweitens für ein gutes Spieldesign.

Und jetzt holen wir mal tief Luft, lassen die geneigten Kollegen von den einschlägigen Spieleblogs und -zeitschriften das Machwerk noch ein bisschen länger unter die Lupe nehmen -

und fragen uns, warum es keine volle Punktzahl gab.

Das ist auch schnell erklärt: Es liegt einzig und allein an mehreren logischen Fehlern, die sich an einem Punkt der Geschichte unweigerlich stellen, und wen beim Durchspielen der Kampagne das nicht zumindest mal kurz innehalten lassen hat, dem empfehle ich einen Besuch bei der nächsten Scientology-Kirche, das ist dann sicher auch was für euch:

SPOILER ALERT!

In der Zwischensequenz, in der Sarah Kerrigan ihren Geliebten Jim Raynor von Arcturus Mengsk' Gefängnisschiff befreit, also, in seine Zelle reinlatscht, nachdem sie vorher Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hat, um ihren Mann zu finden(wie im Übrigen jede anständige Frau) - und dabei möglicherweise ein winziges Bisschen zu weit gegangen ist, zumindest aus seiner Sicht, denn sie hat ihre ursprüngliche Form als Königin der Klingen, von der Raynor sie am Ende von WoL befreit hatte, wieder angenommen, um sich des Schwarmes zu bedienen, um ihren Typen aufzuspüren...Bandwurmsatz.

Naja, als sie auf jeden Fall seine Zelle in diesem Gefängnisschiff betritt, dass gerade auf dem Oberdeck explodiert, weil der Kommandant die Selbstzerstörungssequenz intiiert hat, und nur, weil Nyduswürmer kreuz und quer durch das Schiff krachen und die Sektion fixieren, stürzt der Hochsicherheitstrakt, in dem Jim natürlich sitzt, gerade noch nicht ein...(Atempause)

...und dann haben die Beiden alle Zeit der Welt, um ihre Beziehung auszudiskutieren? Keine Explosionen im Hintergrund? Nee. Nicht wirklich. Ich hätte mit einem Dialog in der Art von "No time to explain, get in the car!" gerechnet, stattdessen sitzt Raynor in seinen Zivilklamotten in seiner Zelle und halluziniert erst mal fröhlich eine menschliche Sarah drauflos, als sie in den Raum kommt, nur um dann zu erkennen, dass die Alte sich doch wieder in ein Zerg-Terraner-Hybridwesen verwandelt hat. Und da ist die Sache für ihn gestorben. Sarah jedoch setzt alles auf eine Karte, und zieht Jims Revolver, und richtet ihn, in dessen Hand liegend, auf ihre Stirn. Dann sagt sie etwas sehr melodramatisches, doch dazu später.

Merkt ihr was? Arcturus Mengsk hat seinen erklärten Feind (neben Sarah) gefangengenommen und auf dem sichersten Gefangenenschiff der Galaxie verknackt, aber er lässt ihm seine ZIVILKLEIDUNG UND SEINEN REVOLVER?

Den Revolver, in dem, wie aufmerksame Spieler des ersten Teils wissen, eine spezielle Kugel für Arcturus steckt?

What the hell?

Blenden wir das mal kurz aus, denn der Wahnsinn, der sich hier auftürmt, geht noch weiter. Jim nimmt die Gelegenheit nicht wahr, seinen Schwur zu erfüllen, dass er die Königin der Klingen töten würde - denn er erkennt Sarahs Menschlichkeit(subtil, subtil), aber er heißt die Mittel(Verwandlung in eine etwas humanere Version der Königin der Klingen), die sie zu seiner Befreiung nutzt, nicht gut. Das drückt er dann teenie-Liebesdramamäßig aus, in dem er sagt: "Es ist aus." Nachdem er seinen Revolver (inklusive der Kugel mit Arcturus' Namen drauf, wenn man dem ersten Teil der Trilogie folgt) bedeutungsschwanger komplett in die Zellenwand entleert, lässt er Sarah nämlich stehen und geht einfach aus der Zelle. Mit diesem Beziehungsdrama-Satz. Dann folgt ein Schnitt auf Kerrigan, die allein in der Zelle steht(Dramatik!) und dann ein harter Schnitt.

Nun stellen sich mir bei logischer Betrachtung der Szene mehrere bohrende Fragen, einige davon sind schon vorhin angeklungen:

Warum zur Hölle hat Raynor noch seine Zivilkleidung an? (Okay, die 3D-Artists waren zu faul, ihn im Sträflingsanzug zu rendern - und außerdem hätte er dann seinen Revolver nicht dabei gehabt)

OMGWTFBBQ er hat als Gefangener einen geladenen Revolver?(Muss ich dazu wirklich mehr sagen?)

Und wo zur Hölle geht er hin? Das Schiff explodiert gerade, und der einzige direkte Weg raus sind Nyduswürmer, die zu Kerrigans Leviathan führen. Ja, die Hyperion ist auch irgendwo in der Nähe, aber wenn sie beamen könnten, dann hätten sie ihn ja auch von Anfang an direkt aus seiner Zelle rausbeamen können, oder nicht?

Naja. Nerdrage. Trotzdem: Unbedingte Kauf- und Zockempfehlung.

30
Sep
2012

....und da ist das TOOOOOOOOOOOOR!

Kurze Rede, langer Sinn: Ich mache die nächsten 6 Monate lang ein Praktikum bei 90elf.de in Leipzig. Und während das Tagesgeschäft sich eher mit der Webseite auseinandersetzt, so werde ich die Gelegenheit bekommen, im Hintergrund mich als Kommentator zu versuchen, und von daher einen großen Schritt in Richtung meines Traumberufes machen. Letzten Donnerstag (27.09.) durfte ich's zum ersten Mal, und dabei ist dann bei Spiel VfL Bochum - 1. FC Kaiserslautern unter anderem folgendes rausgekommen:



So darf es gerne weitergehen.

30
Jun
2012

Erwiderung auf den offenen Brief von Arnd Zeigler.

Lieber Arnd Zeigler,

(Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs), dass der Einsatz von Kroos als Manndecker und von Boateng als Rechtsverteidiger gegen Italien Müll war, habe ich in dem Moment gesagt, als ich die Aufstellung auf dem Fernsehschirm gesehen habe. Vorher konnte ich das nicht, denn ich bin nicht der Bundestrainer oder irgendwie im Trainerstab.

Ich fordere jetzt auch nicht seinen Kopf.

Ich fordere lediglich, dass er sich von seinem unterschwelligen Lieblings- und Belohnungsdenken löst, und jetzt nicht die Schuld auf die Spieler abwälzt, die, zugegebenermaßen nicht ihre besten 90 Minuten abgeliefert haben.

Ich habe gleichzeitig zu dem "diese Aufstellung ist Müll!" gesagt, das Boateng gegen Portugal und Holland genau der richtige Mann war, um gefährliche Außenstürmer an die Kette zu legen.

Aber dass weder Bender, der gegen Dänemark(aufgrund von akuter defensiver Unterforderung) das Spiel nach vorne gut ankurbelte, noch Höwedes, der im Verein schon überraschend gute Spiele auf der Aushilfsrechtsverteidigerposition gemacht hat, und auch in den Freundschaftsspielen bewiesen hat, dass er über rechts defensiv gut und offensiv solide spielt, überhaupt in Betracht gezogen wurden, war ein kritisches Versäumnis vom ansonsten anscheinend Bauchgefühl-glücklichen Löw.

Ziehen wir ausgehend davon jetzt einmal in Betracht, dass die deutsche Elf in der ersten Halbzeit keine offensive rechte Seite hatte, außer wenn Özil mal dahin auswich, da Toni Kroos anscheinend, außer wenn er aus der zweiten Reihe ungenau danebenschoss, auch offensiv Pirlo in Manndeckung nahm, kommt erschwerend hinzu, dass mit dem Festhalten am erschreckend schwachen Lukas Podolski auf der linken Seite auch von da nicht wirklich Schwung in die Bude kam. Lukas Podolski hat eine unglaubliche Karriere hinter sich. 101 Länderspiele, und das in dem Alter. Wahnsinn. Und in Bestform spielt er da auf der ungeliebten linken Seite, was für ihn ohnehin eine Notnagelposition ist (wir wissen alle, dass Podolski ins Zentrum gehört, egal ob auf der falschen 9, der echten 9 bzw. als hängende, stechende oder ballernde Spitze ist ja nun wirklich egal.) auch manchmal echt gut. Nur, dass Podolski Monate von seiner Bestform entfernt war und ist, konnte man selbst im Spiel gegen Griechenland sehen.

Wir konstatieren: Löw hat Deutschland bis ins Halbfinale gebracht, und das zum Teil sogar, obwohl er vorher Mist gebaut hat, was die Aufstellung angeht.

Im Halbfinale hat ihn dann alles, inklusive seinem Bauchgefühl und dem gesunden Menschenverstand, obwohl das auch schon vorher passiert sein könnte, verlassen, als er sich diese Aufstellung ausgedacht hat. Wegen einem gelupften Elfmeter und einem genialen Pass im Englandspiel Andrea Pirlo in Manndeckung zu nehmen, einen Spieler, der seit Jahren von der ursprünglichen Spielmacherposition immer weiter zurück weicht, um eben dieser Manndeckung zu entgehen, der damit Erfahrung mannigfaltigster Art hat, und außerdem in Montolivo einen ebenso agilen, überall auf dem Platz zu findenden Nebenmann hat, der dadurch viel mehr Platz auf der deutschen rechten Abwehrseite bekommt, ist, Entschuldigung, gequirlter Quatsch, der nicht mal in der Kreisliga funktioniert.

Ich weiß nicht, ob es Reus und Schürrle oder sonst wer auf den Außenbahnen besser gemacht hätten, und ich weiß nicht, ob Höwedes oder Bender hinten rechts besser verteidigt hätte. Aber ich habe vor dem Spiel gesagt, dass das nur mit Glück was wird. Und Glück hatten wir, wie du selber sagst, in dem Spiel absolut nicht genug. Und in der zweiten Halbzeit ging offensiv eindeutig mehr, nachdem Reus für Podolski kam. Dass da unter dem Strich auch nur ein Handelfmetertor bei rausgekommen ist, ist immer noch zu wenig, aber trotzdem mehr als Null.

Ich fordere, dass Löw nicht nur seinen Bauch, sondern auch sein Gehirn benutzt. Dann hätte das Spiel vielleicht gewonnen werden können.

Mit freundlichem Gruß,
Jonathan Blum, Sofabundestrainer

PS: Ist es aufgefallen, dass diese Antwort auf einen offenen Brief Schweinsteiger so gekonnt ignoriert wie er gestern, dass er eigentlich ein Fußballspiel zu gewinnen hatte, wo er doch auf dem Platz stand, obwohl er eigentlich nicht fit genug war? Ah, darum.

2
Jan
2012

My Memes.

MarxMeme

31
Okt
2011

Gebrauchsanweisung für mein Herz

Herzlichen Glückwunsch!

Sie haben soeben ein Herz errungen. Mit JMDFB-44-ID-Technologie kodiert, wird dieses Herz ab sofort formal ihnen gehören. Doch bevor sie jetzt freudig damit in die weite Welt hinaus ziehen, zwei wichtige Gebrauchshinweise vorweg:

1) Handle with care. Dieses Herz ist ein Qualitätsprodukt aus unserem Hause und genügt höchsten Belastungsstandards, was das tägliche Leben angeht. Unvorhergesehene Erschütterungen und/oder Komplikationen im emotionalen Bereich können jedoch eine schwere Fehlfunktion hervorrufen.

2) Recycle after usage. Geben Sie das Herz seinem ursprünglichen Besitzer zurück, wenn sie damit fertig geworden sind, es "durchgespielt" haben, oder es ihnen lästig ist, es zu besitzen.

Wenn sie diese simplen Grundregeln beachten, werden sie mit ihrem neu errungenen Herz eine Menge Freude haben. Semtext Industries - guaranteed satisfaction.

14
Okt
2011

Schriftwechsel. Immerhin besser als Schusswechsel - oder: Wenn Rapper sich angegriffen fühlen.

Hallo, Internet. Du bist so putzig. Aber weisst du, was noch putziger ist? Rapper mit Napoleonkomplex, die sich durch einen negativen Facebookkommentar zu einem Video von ihrer Releaseparty so angegriffen fühlen, dass sie dir sowas hier schreiben:


hey jonathan bleib in deiner heilen Welt und zieh dir blumentopf und sonstige deutsche scheisse rein das war eine relaseparty und ich glaub nicht das du eine Ahnung davon hast was eine Relaseparty ist den du bist ja ein hip hop punker! ich lass jedem seine meinung aber ich heisse nicht typ sondern Fess Up und das mein lied am Ende noch mal läuft ist doch klar es ist meine Party! Solltest einfach nicht auf so einer Party erscheinen den das ist nichts für dich. Zitier was du willst ich geb ein fuck drauf!! Peinliche Raps?? ich Rappe über Familie über Träume über die Strasse . Na ja ich fick auf deine meinung spar dir die und schau auf deinen arsch nicht auf meinen! Das ich meinen Text vergessen habe ist schwachsinn ich glaub nicht das du überhaupt mal zugehört hast über was ich rappe!


Und dann noch hinterherschieben:

ich nehme jede kritk an solange sie mich nicht persönlicht beleidigt. alles gute


Was hatte ich geschrieben?

Ganz ehrlich - zu dem Auftritt von dem Typen fällt mir im Nachhinein nur die Strophe von Holundermann von Blumentopf aus dem Track "Schönen Gruß" ein. Sie komplett zu zitieren würde hier den Rahmen sprengen, nur soviel: "Live kickt Ihr dann über Ami-Maxis eure peinlichen Raps//und vergesst dabei noch tausendmal den eigenen Text.//Und wenn Euer fetter Sound echt alles ist wofür Ihr lebt,//sagt, warum checkt ihr ihn dann nicht bevor im Club die Tür aufgeht."




Ich fühlte mich genötigt, dem guten Mann etwas ausführlicher zu antworten:

Lieber Fess Up, ich kann verstehen, dass dich Kritik an deiner Releaseparty besonders trifft. Schließlich hast du viel Zeit und Geld in die Vorbereitung investiert. Ich übrigens auch. Zumindest Zeit. Ich habe an besagtem Abend hinter der Theke gearbeitet und kann mir das leider Gottes nicht aussuchen, denn ich brauche das Geld. Es kann nicht jeder mit den Amis seine Raps aufnehmen und ne eigene Security beschäftigen, und Grey Goose Vodka im Club trinken. Ich halte mich an mein Homestudio, meinen Produzenten aus Norddeutschland, meine eigenen grauen Zellen und Wodka Gorbatschow in der Studenten-WG. Nur damit du weisst, mit wem du es zu tun hast: Ich bin weder gefährlich, noch will ich dir irgendwas böses. Ich habe nur damals mit 11 Jahren deutschen Hip Hop kennengelernt, und damals hat man die Amis nachgemacht, weil es nichts anderes gab. Mittlerweile haben wir hier eine vollkommen unabhängige Rapszene, die sich ohne, bzw. mit wenig Einfluß aus den Staaten entwickelt, und das ist wunderbar. Und zu dem "Ich komme von der Straße" Ding - das ist alt. Ungefähr so alt wie dein Feature-MC von den Furious Five. Und da hat es gestimmt. Aber diese Jungs hatten kein Arbeitsamt oder Sozialamt, das ihnen unter die Arme gegriffen hat. Die haben Drogen verkauft und Typen abgezogen, weil sie anders nicht an Geld gekommen wären. Aber ich glaube, das weißt du eigentlich auch.

Und nun zum Inhalt deiner Nachricht: Erst sagst du "Zitier was du willst" und dann haust du mir es um die Ohren, als ob ich es selbst gesagt und auf dich bezogen hätte? Im Wortsinn habe ich geschrieben, lies es auf Sebastians Seite nach(oh, er hat es gelöscht. Wie schade.): "Bei dem Auftritt fiel mir nur die Strophe von Holundermann ein". So kann ich dich leider nur ungenügend für voll nehmen.

Und wenn jemand wie du Hip Hop ist, dann bin ich froh, ein Hip Hop Punker zu sein, nein, ganz ehrlich - lieber nur Punk.

Mach du dein Ding, ich mach meins. Aber erwarte nicht, dass jedem gefällt, was du machst, bloß weil alle deine Homies sagen, dass du mega tight bist. Es gibt im Untergrund hunderte, wenn nicht tausende Rapper, die so eine Geldverschwendung wie diese Party war, lieber in anständiges Recordingequipment oder auch nur ein paar Stunden im Studio investiert hätten. Aber das nur nebenbei. Du feierst gerne, wie man auf "Trinken und Rauchen" hören durfte. Sei dir gegönnt, du bist obenauf und chillst mit dem Typ von den Furious Five. Wer kann, der kann. Aber frag ihn mal, wer von euch beiden den Anderen mehr braucht.

Und vielleicht fühlen deine Jungs ganz genau, was du meinst, wenn du rapst - ich hab nur gehört, dass du halbwegs fehlerfrei den Takt triffst, und die einmillionste "Vom Bordstein bis zur Skyline"-Kopie bringst. Die lyrisch noch ziemlich in den Kinderschuhen steckt. Aber vielleicht gehört das ja so, und die Reime und der tiefere Sinn sind auch nicht so wichtig. Hauptsache man hat Mädels im Bikini auf der Bühne, und die Crowd dreht durch...nein, das war nie meine Variante von Hip Hop. Das kannst du haben und behalten.

Mit freundlichem Gruß,
Jonathan Blum (der sich nicht hinter einem Pseudonym versteckt, weil er kein Problem damit hat, seine Meinung zu sagen)


Gerade eben kam die Antwort, ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass sie in Form von Kugeln aus einer AK-47 aus einem vorbeifahrenden Cadillac gesendet wird, aber nein, unser Freund war wortgewandt:

hast echt kein plan und davon ne menge

7
Aug
2011

An Englishman in New York oder: Ein Oldenburger im Exil

Disclaimer: Dieser Beitrag erscheint in veränderter Version auch drüben beim Oldenburger Lokalteil, und auch eigentlich mehr oder weniger im Auftrag dessen.

Hallo. Ich gehöre ja zu den Menschen, denen es kalt den Rücken runterläuft, wenn irgendwo im Radio, im Musikfernsehen oder auf einem Computer gerade Stings Englishman in New York gespielt wird. Letztens erst war ich auf einer Jam-Session in einer Kneipe in Schwäbisch Gmünd, und zu fortgerückter Stunde fanden sich da einige verkannte Instrumentalvirtuosen zusammen, und als dann dieses Lied herausgeholt und verarztet wurde, hatte ich vermutlich eine kleine Träne im rechten Augenwinkel. Nicht, dass ich Brite, oder in New York situiert wäre. Aber dieser Refrain lässt mich so sentimental werden, wie wahrscheinlich nicht mal eine Wiederholung der Sterbeszene von Bambis Mutter, während der ich melancholisch und völlig betrunken einer meiner verflossenen Freundinnen hinterherweine. "I'm an Alien, I'm an Englishman in New York...!" *schluchz*

Und letztens habe ich realisiert, warum. Ich vermisse meine Heimatstadt. Ich vermisse Oldenburg. Ich habe gottverdammtes Heimweh. Und wer ist dran schuld? Die Süddeutschen natürlich. Seit numehr dreieinhalb Jahren studiere ich in einer grünen Oase im ehemalig zweitschwärzesten Bundesland dieser Bananenrepublik. Tübingen, lange Zeit eine der wenigen deutschen Städte mit einem Oberbürgermeister, der zwar dauerhaft einen blauen Anzug trägt, in der Innentasche aber ein grünes Parteibuch stecken hat. Knapp 25.000 Studenten bei etwa 90.000 Einwohnern sorgen für den geringsten Altersdurchschnitt unter allen deutschen Städten, so oder so ähnlich rühmt man sich im Internet. Und es ist ja wirklich nicht alles so schlecht wie im restlichen Ländle hier. Dadurch, dass es hier so viele Studenten gibt, hat die Stadt einen eher unschwäbischen Flavor, zumindest oberflächlich.

Aber unter dieser internationalen, grünen, freundlichen Oberfläche kocht und brodelt der schwäbisch-eigenbrötlerische Wutbürger im eigenen Saft. Und wenn man mich fragt, könnten die sich von unserer schönen Huntestadt hier noch 'ne Menge abschneiden. Vor allem die Idee, die Stadt in einem Talkessel zu gründen, in dem sich im Sommer die Hitze staut, und aus dem im Winter die Kälte nicht rauszukriegen ist, war eine stadtplanerische Meisterleistung, die damals im Mittelalter vollbracht worden ist. Sicher, man hat hier schöne Berghänge, um Wein anzubauen, aber vor lauter pompösen Studentenverbindungshäusern auf dem zentral gelegenen Österberg kommt es gar nicht dazu. Apropros Studentenverbindungen: Die Uni hier wurde schon 1477 gegründet, wenn man den Geschichten glauben darf, die Leute, die das von der Bartlänge her noch miterlebt haben könnten, in schummrigen Eckkneipen in der Altstadt erzählen. Und von daher ist hier ziemlich viel ganz schön traditionsbehaftet, was mit der Uni zu tun hat. So gibt es einen traditionellen Aufmarsch der studentisch bemützten Verbindungsvertreter, der der NSDAP und dem Ku-Klux-Klan in nichts nachsteht, wenn man den Veranstaltungsgegnern Glauben schenkt. Ich war ja während der ersten 9 Monate selbst Mitglied in einer dieser Verbindungen, und habe mich dann entschlossen, dass das alles irgendwie zu traditionsbelastet und kurz gedacht ist, was dort unter dem Banner der Kameradschaft, Treue, Vaterlandsliebe und ähnlichen Dingen geschieht(hauptsächlich werden unfassbare Mengen Bier getrunken, und ein bisschen klug und ein bisschen rechts dahergeredet), und habe von daher eventuell noch mehr dazu zu sagen, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Nur soviel, um das Thema abzuschließen: Sowas kannte ich aus Oldenburg nicht. Eine schnelle Recherche ergab, dass es an der Universität Oldenburg eine inaktive Studentenverbindung gibt, was bedeutet, dass die Mitglieder es nicht geschafft haben, aktuelle Studenten für ihr Konzept, wie auch immer das im Einzelnen aussieht, zu begeistern. Außerdem gibt es zwei Schülerverbindungen in unserer Stadt, die sich hartnäckig am AGO halten, aber auch von den meisten Menschen nicht wirklich ernst genommen werden.

Nachdem ich also den konservativen Sumpf dieser eigentlich doch als studentisch-linksrevolutionär vermuteten Stadt von innen kennengelernt hatte, dachte ich, könnte es nicht viel schlimmer werden. Ich zog um in ein privates Studentenwohnheim, das in einem ehemaligen Hotel im Obergeschoss eines Hähnchen-Restaurantss am nordöstlichen Stadtrand von Tübingen situiert ist. Da in Tübingen normalerweise Wohnungen von der Größe und Wetterfestigkeit eines laminierten Schuhkartons mit "Klo und Dusche schräg übern Flur" für knapp 350 Euro vermietet und von verzweifelten Studenten abgenommen werden, fühlte ich mich gleich, als ich in meine etwa 26 (im Mietvertrag steht 28, aber die schummeln doch bestimmt) Quadratmeter für schlappe 290 Euro im Monat einzog, als hätte ich das große Los gezogen. Und dann schaute ich aus dem Fenster. Hui, das ist aber hoch! In meiner Zeit in Oldenburg hatte ich zwar auch schon mal im Dachgeschoss eines standardisierten Reihenhauses(von-Finckh-Straße) gewohnt, aber die Entfernung zur Straße aus dem dritten Stock in dieser Wohnung kam mir vor wie der Blick von der Hunte-Autobahnbrücke. Ich vermute, dass das der im Durchschnitt eher niedrigen Bebauungshöhe in Oldenburg geschuldet ist, und die Tatsache, dass ich als Einjähriger vor dem Umzug wohl nicht allzuoft vom Balkon unserer damaligen Wohnung im vierten Stock eines Hauses in der Adlerstraße geschaut habe, und wenn doch, mich nicht allzugut daran erinnern kann.

Und auch wenn die Behausung hoch gelegen und die Mitbewohner toll sind (die und einige Freunde, die ich hier tatsächlich gefunden habe, sind das Einzige, was ich wirklich vermissen werde, wenn ich wieder zurück nach Oldenburg gehe) - will es mir in der Stadt immer noch nicht so gern und gut gefallen. Warum, das kann man in der anderen Version dieses Textes auf dem Oldenburger Lokalteil nachlesen.

Unabhängig davon: "Be yourself, no matter what they say!" Und ich bin eben Oldenburger. Im Exil.
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Semtext's Selbstdarstellung

Raps und Reflektionen, Gedanken und Spinnereien...

Information




Was nicht wert ist, gesagt zu werden, das singt man. (Pierre Augustin Baron de Beaumarchais, frz. Bühnenschriftsteller, 1732-1799)

Das hier ist schlicht, was die Überschrift sagt. Eine Selbstdarstellung. Manche würden sagen öffentliches Tagebuch im lockeren Wochenrythmus, andere wiederum Textsammlung. Mittlerweile auch Rezeptsammlung für Cocktails. Wasauchimmer.

Es ist und bleibt die Selbstdarstellung eines Hobby-Rappers, Poetry Slammers und Autojournalismus-Volontärs aus Oldenburg, der von ganz mittig nach ganz oben will. Mit explosiven Texten, die wie Bomben in den Frieden fetzen. Hatte ich mal gedacht. Deswegen der Name Semtext. Wer's nicht kapiert, bitte einfach mal "Semtex" bei Wikipedia oder im Brockhaus nachschlagen.
Mittlerweile nimmt Battlerap nur noch einen kleinen, jedoch energiegeladenen Part in meinem Repertoire ein.

Semtext MC

.

KONTAKT
skype: semtext. (mit dem Punkt!)


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