14
Okt
2008

Chrakterkopf verzweifelt gesucht!

Subjektiv gesehen, hatten wir auf Schalke auch schon etwas längere Zeit keine polarisierende Kultfigur mehr, an der sich landauf, landab die Geister schieden. Rudi Assauer tritt geduldig in die Fußstapfen weiterer ehemaliger Charaktermanager wie zum Beispiel Reiner "Calli" Calmund und macht TV-Werbung, Interviews und Werbespots. Die Zeiten des "Sonnenkönigs" Eichberg sind zum Glück noch länger vorbei, so lange, dass ich sie aktiv gar nicht mehr miterlebt habe, da ich erst seit 1992 Fan bin, und so gesehen auch erst seit 1995 das Geschehen abseits des Rasens wirklich lückenlos verfolge. Streng genommen, braucht man so jemand bei uns auf Schalke auch.

Wer bietet sich da spontan an? Andreas Müller vertritt ja verbal eher den Typ Samthandschuh mit tief in der Tasche vergrabenem Schlagring, und gibt Schalke meist eine ganz neue Art von Seriösität und medialer Diplomatie, um aber in passenden Momenten auch die richtigen Worte eines Menschen zu finden, der selbst lange Jahre Fußballfelder umgegraben hat, und insofern weiß, wovon er spricht. Also eher nicht. Obwohl er gerade unter Schalker Fans mit seinen nicht immer unumstrittenen Transferentscheidungen für Zündstoff sorgte, wissen mittlerweile immer mehr Anhänger der Königsblauen den neuen Manager zu schätzen.

Fred Rutten bietet auch nicht wirklich genug Angriffsfläche, was auch an seinem noch nicht ganz optimalen Deutsch liegen mag. Dass er sich in Interviews häufig nicht ganz unfallfrei vorgetragener Floskeln bedient, sorgt eher für Erheiterung, oder für Missverständnisse, als dafür, dass er nun bundesweit die Fingerspitzen, Herzen und Köpfe der Fußballbegeisterten beschäftigt.

Josef Schnusenberg war am Anfang seiner Amtszeit als Präsident häufig für einen unbedachten Kalauer gut, von denen sich einige auch zum Bumerang entwickelten, hat sich jedoch in letzter Zeit höflich zurückgehalten, und aufs Bilanzieren und Händeschütteln beschränkt. Also auch kein wirkliches Enfant Terrible.

Sogar das Schalker Spieler-Urgestein Gerald Asamoah, mittlerweile in seiner zehnten Spielzeit bei den Knappen, der sich unter seinem ehemaligen Jugendtrainer Slomka noch die ein oder andere mediale Freiheit nahm, unter anderem durch das Fordern von Spielzeit in Interviews, unter Androhung von nicht näher genannten Konsequenzen für den stets lächelnden Übungsleiter, hat sich mittlerweile klaglos in ein Reservistendasein gefügt und spielt lieber daheim mit seinen Zwillingen, als den maximalpigmentierten Hanswurst für den Blätterwald.

Muss man um uns Schalker Angst haben? Werden wir am Ende ein glatt gebügelter Club, in dem im Stadion die die eigenen Spieler auspfeifenden Modefans und Haupttribünensitzer der größte Aufreger sind? Man könnte meinen, die Königsblauen wähnten sich auf dem besten Weg in eben jene Richtung, als es am Wochenende mal wieder einen tollen Skandal (BILD-Zitate: "Zoff!" "Riesen-Krach!" "Eklat um Kuranyi!") gab, der die Kritiker in dieser Hinsicht verstummen ließ.
Kevin Kuranyi flüchtet aus dem Signal Iduna Dings...für polemische Menschen war der Flachwitz schon abzusehen, bevor er überhaupt auf irgendeiner Titelseite stand. Und er (als Kevin, nicht der Flachwitz) erzeugte ein Medienecho, das sich gewaschen hatte. Hüben wie drüben fallen seit Samstag die Journalisten, Kolumnisten, Reporter, Kamerateams und Fotografen über den Nationalmannschaftsflüchtling her und lassen in der Mehrzahl leider wenig gute Haare an ihm. Es gibt ein paar Stimmen, die ihm auch zugute halten, in seiner Situation das einzig Richtige gemacht zu haben, in der Majorität wird aber blind drauflos geprügelt, ohne die Hintergründe dafür zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn erfahren zu haben oder wissen zu wollen.


Und da haben wir ihn doch, den Charakterkopf! Bei den eigenen Fans wurde er vom Moses (er spaltete das blaue Meer in diejenigen, die erkannten, wie wertvoll er für die Mannschaft ist, selbst wenn er mal nicht die Bude trifft, und in diejenigen, die irgendwas mit seinem Aussehen oder Modegeschmack in den falschen Hals gekriegt hatten, und dann jede Gelegenheit wahrnahmen, wenn er mal wieder im Rücken, auf Hüfthöhe und außerdem mit der Geschwindigkeit eines Vollspann-Volleyschusses angespielt wurde, um darauf hinzuweisen, was für eine unglaublich schlechte Ballannahme dieser "so genannte Profifußballer" denn haben würde. Vom hohen Ross des Hobbyjournalisten herab lässt sich sowas wunderschön polemisch aufteilen, und ich bin mir sicher, dass es auch noch andere Volksgruppen innerhalb der Schalker Fanszene gab, die über ganz andere Sachen nachdachten und -denken, aber das soll für den plakativen Vergleich erst einmal reichen, und wenn man lange genug darüber nachdenkt, wird man sich auch einer der beiden Kategorien irgendwie zuordnen können. So der treffende Kommentar, den man aus berufenen Fan-Mündern schon hören konnte: Würde Kevin Kuranyi heißen und aussehen wie Ebbe Sand, und keine südamerikanischen, sondern skandinavische Wurzeln haben, gäbe es in der Hinsicht gar kein Problem.) zum Messias.


Nun hat es sogar die Zeitung mit den großen Buchstaben gemerkt: Die Schalker Fans sind, nach anfänglicher Aufregung über das gesamte Thema, nun in großer Zahl glücklich über den wie auch immer (aus-)gearteten Austritt/Rauswurf aus den Nationalmannschaft, es gibt im Internet und im Stadion Schlachtpläne, den Jungen "Jetzt wieder auf die richtige Bahn zu bringen", und selbst der Verfasser ertappte sich heute in aller Herrgottsfrühe dabei, wie er bei einem Internet-T-Shirt-Druck- und Versandhändler ein blau-weißes T-Shirt mit dem selbst gewählten Brustaufdruck "Club. Not Country!" und der Rückennummer 22, sowie dem Namensschriftzug des Schalker Mittelstürmers bestellte.

Und da haben wir ihn doch, denjenigen, der das Land und die Fanszene spaltet, außerhalb Gelsenkirchens gleichermaßen unbeliebt wie innerhalb vergöttert wird! Rudi Assauers legitimer Nachfolger ist ein junger Mann, der sich in den letzten Jahren mit viel emotionalem Nationalmannschafts-Ballast herumgeplagt hat, nicht zuletzt der völlig unverständlichen Ausbootung vor der WM 2006, zu Gunsten des mehrere Klassen schlechteren Mike Hanke, nachdem er in der Qualifikation vorher, und, für keinen Fachmann überraschenderweise auch in der Qualifikation zur Euro 08, gut genug war, die von viel weniger Publikum beachtete Drecksarbeit zu erledigen. Er poltert nicht laut herum, sondern lässt auch andere Emotionen sprechen, zeigt, dass er verwundbar ist, zeigt, dass er auch nur ein ganz normaler Mensch und keine hochgezüchtete Fußballmaschine ist. Das bringt ihm in Schalker Fan-Kreisen hauptsächlich verdiente Hochachtung ein, denn nicht nur der Rapper Curse sagte einmal treffend: "Ich bin für die, die sich Blöße geben, damit wir sehen und verstehen//dass die echten Weisen in Schwäche zeigen die Größe sehen."

Und wir Schalker können "unseren" Kevin jetzt noch viel länger für uns behalten. Denn da er jetzt in den nächsten Jahren, oder zumindest, bis Joachim Löw den Weg aller nur halbwegs erfolgreichen Trainer gegangen ist, nicht mehr in der Nationalmannschaft auf der Bank oder Tribüne sitzen muss, wird er sich für Königsblau umso mehr den Hintern aufreißen. Erstens, da er jetzt merkt, nachdem er durchs Tal der Tränen(bzw. Pfiffe) gehen musste, dass auf der anderen Seite jetzt ein großer Rückhalt bei Vereinsoffiziellen und Fans auf ihn wartet, und zweitens, wie schon öffentlich spekuliert wurde, sein "Marktwert darunter extrem leiden würde". Kann uns doch nur gut passen. Dann bleibt er wenigstens hier, und geht nicht zu Barca oder Bayern, so wie Gomez und Adler.

Ich freue mich drauf.

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Semtext's Selbstdarstellung

Raps und Reflektionen, Gedanken und Spinnereien...

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Was nicht wert ist, gesagt zu werden, das singt man. (Pierre Augustin Baron de Beaumarchais, frz. Bühnenschriftsteller, 1732-1799)

Das hier ist schlicht, was die Überschrift sagt. Eine Selbstdarstellung. Manche würden sagen öffentliches Tagebuch im lockeren Wochenrythmus, andere wiederum Textsammlung. Mittlerweile auch Rezeptsammlung für Cocktails. Wasauchimmer.

Es ist und bleibt die Selbstdarstellung eines Hobby-Rappers, Poetry Slammers und freiberuflichen Journalisten aus Oldenburg, der von ganz mittig nach ganz oben will. Mit explosiven Texten, die wie Bomben in den Frieden fetzen. Hatte ich mal gedacht. Deswegen der Name Semtext. Wer's nicht kapiert, bitte einfach mal "Semtex" bei Wikipedia oder im Brockhaus nachschlagen.
Man kann von mir mittlerweile auch Texte korrekturlesen lassen.

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