1
Mrz
2007

Folge 4

Wie es der Zufall so will, hatte Silizium schon in dem Moment, in dem er die Kneipe betrat, vergessen, was ihn dort hin geführt hatte. Und, um ehrlich zu sein, liegt die letzte Episode dieser kleinen Geschichte auch schon so lange zurück, dass der Autor es ebenfalls vergessen hat, so berichten es zumindest böse Zungen. Da dies natürlich völliger Mumpitz ist, wird die Geschichte nun weitergehen. Und halten Sie sich bitte mit solchen unüberlegten Behauptungen zurück!

Silizium erinnerte sich vage, dass man sich zur Nahrungsaufnahme Gehirnentnahme mittels Alkoholkonsum in Kneipen begab. Und dass manche Geschöpfe, wie zum Beispiel der anwesende Affe, äh, Orang-Utan, nein, Bibliothekar der Unsichtbaren Universität, hierher kamen, um Erdnüsse aus kleinen Schälchen zu essen. Und mit dem komischen hölzernen Spielkasten zu spielen, in dem für ein paar Ankh-Morprok-Cent sich merkwürdige hölzerne Figuren auf und ab bewegten, die man mit einer Art Mini-Ballista schießen konnte.

Irgendwie kam dem Troll alles bekannt vor! Er konnte sich nur nicht klar machen, warum, und so wusste er auch nicht recht, was mit ihm los war, als er die schweren Unterarme auf den Tresen lehnte, und den Wirt fragte: "Sag mal, hast du auch was passendes für Trolle da? Ach ja, und...zieht es hier immer so?" Natürlich! durchzuckte Silizium ein Gedanke: Die Hintertür des Ladens musste ja immer offen sein, damit man schnell flüchten konnte, falls ein Erdbeben/Raubüberfall/Wachen-Einsatz (nichtzutreffendes bitte streichen) die soziale und strukturelle Integrität der geflickten Trommel bedrohte! Und da auch die Eingangstür immer offen stand, damit die Mischung aus alten getränken, altem Abwaschwasser, altem und frisch Erbrochenem und der Suppe von vorgestern, was zusammen den unverwechselbaren Geruch der Taverne ausmachte, auf die nicht minder reinliche Straße abfließen konnte, und gleichzeitig noch etwas Luft zum Atmen im Etablissement verblieb, ergab sich diese steife Nacken verursachende, Zehen unterkühlende, und Trolle auf Touren bringende kühle Zugluft. Ohne Zweifel.

"Nein, eigentlich nicht", antwortete der Wirt, und nahm den Besen zur Hand, um einen Müllhaufen aus der Hintertür (die eigentlich gar nicht so sehr versteckt war, man beachtete sie nur nicht, da sie einfach wie ein weiteres Loch in der Wand aussah, das hier durchaus seine Daseinsberechtigung hatte) zu kehren. "Ich mache nur gerade sauber, deswegen riecht es so schlecht. Ich bin mir sicher, dass es in ein oder zwei Stunden wieder genauso riechen wird wie sonst auch, und dann hat sich das mit der Zugluft auch erledigt." Allerdings nur, weil die Luft im Schankraum dann eine stehende, stickige Masse mit der Dichte des Ankh* sein würde. dachte sich Silizium.

Ein hölzerner Becher, geschnitzt wie ein Schädel, gefüllt mit einer schwarzen Pampe, setzte vor der rechten Hand des Trolls zur Punktlandung an. Man kennt das ja, dass Barkeeper das Getränk auf den Tresen setzen, um es dann mit einem elegantem Schwung bis zum Gast rutschen lassen. Nun, in der geflickten Trommel wirft der Wirt den Humpen einfach**, und man kann Glück haben, und er landet richtigrum. Alle anderen Möglichekiten, die dann eher auf der Seite von Pech oder Schicksal stehen, ausführlich zu beschreiben, würde hier zu lange dauern. Silizium wollte schnell nach dem trollisch designten Humpen greifen, um zu verhindern, dass er umkippte, aber der "natürliche Klebstoffgehalt" des Tresens in der geflickten Trommel ist so hoch, dass die meisten Leute es vorziehen, dort nichts abzulegen, abzustellen oder sich dagegenzulehnen, und das aus gutem Grund, da man meist einen Magier, einen Kuhfuß und zwei kräftige Hufschmiede braucht um das jeweilige Objekt oder die jeweilige Person vom Tresen zu lösen. Silizium aber wusste das nicht, und so schlürfte er die undefinierbare Pampe, die ihm allerdings recht gut schmeckte, wenn man bei Trollen überhaupt von Geschmack reden kann, eben aus dem am Tresen klebenden Becher, indem er den Kopf ein wenig herunter nahm, und dabei aus Higyienegründen peinlich genau darauf achtete, mit dem Kinn nicht die ehemals hölzerne Oberfläche der Theke zu berühren. Während er nicht trank, schaute er sich aufmerksam um. Vielleicht würde ja etwas amüsantes*** passieren.


*=Was nicht bedeutete, dass man auf ihr laufen können würde, aber das Hindurchgehen würde schon schwer genug werden.

**=Wenn man bei der Bestellung nichts anderes ausdrücklich angemerkt hat.

***=Trolle finden auch Aargrooha, eine für Menschen sehr unerfreuliche Variante des Fußballspiels, amüsant. Hierbei wird ein menschlicher Schädel mit speziellen Stiefel aus Obsidian hin und her getreten, und zwar so lange, bis entweder eine Mannschaft ein Tor erzielt, oder der Schädel platzt. Im zweiten Fall braucht man dann einen neuen Schädel, um weiterzuspielen. Allerdings ist das Spiel in Ankh-Morpork bei der Bevölkerung nicht sonderlich beliebt, und wie man diese Obsidianstiefel vernünftig herstellt, weiß auch keiner mehr so recht.

Folge 3

Gähnend erwachte Silizium aus seinem Vormittagsschlaf. Das heisst, eigentlich hatte er gar nicht geschlafen. Also gähnte er auch nicht, denn er litt weder unter Sauerstoffmangel, noch war er müde. Und wenn man nicht geschlafen hat, kann auch vom Erwachen keine Rede sein. Belassen wir es dabei, dass er sich von seinem Lager erhob, das doppelt um die Hüften geschlungene Ankertau zurechtrückte und danach, böses ahnend, auf den Ausgang des Leichenschauhauses zuhielt. Und er sollte Recht behalten.

Die Sonne schien zwischen einigen Kumuluswolken, die sich der Szenerie gerecht am Rand hielten, hindurch, und anscheinend wie ein riesiger Verfolgungsscheinwerfer direkt auf den Kopf des Trolls gerichtet. Er hatte Mühe, nicht zu vergessen, warum er eigentlich losgegangen war, deswegen wiederholte er es ständig halblaut: "Geflicktes Trommel...geflicktes Trommel..." Es war ihm nicht zu verdenken, dass er wie ein Eisbrecher durch die Menschenmassen pflügte, denn bei seiner Figur und Gedankenlosigkeit (was in diesem Zusammenhang wirklich passte) blieb ihm eigentlich gar nichts anderes übrig. Üblicherweise wurde dies aber von Passanten als normal bewertet, und Bürger von Ankh-Morpork hatten einen gewissen Überlebensreflex, wenn sie auf den Straßen entlang flanierten:

Man konnte seine Überlebenschancen deutlich erhöhen, wenn man alle drei Herzschläge einen Blick über die Schulter warf, um zu schauen, ob nicht gerade ein wildgewordener Troll, eine betrunkener Bierkutscher samt Gefährt oder ein außer Kontrolle geratener Feuerball das eigene Leben durch schnelles Aufholen der Distanz zwischen der aktuellen eigenen und der aktuellen fremden Position zweier möglicherweise interagierender Objekte...ach, lassen wir das. Liebe Kinder, schaut immer erst nach links und rechts, bevor ihr über die Straße geht, und wenn ihr mal nach Ankh-Morpork kommt, dann bitte nicht sterben! Für Trolle und Elementarwesen, sowie Magier mit Schutzzaubern gilt dies natürlich eher weniger.

Auf jeden Fall näherte sich Silizium der Tavernentür, und seine momentane Ungebildetheit genau wie die Sonne über ihm ihrem Zenit. Es kann ab jetzt nur noch besser werden, dachte er sich. Hätte er sich gedacht, wenn er dazu schon in der Lage gewesen wäre, als er die Tavernentür öffnete, und den Kopf einzog, um dem oberen Türrahmen auszuweichen.

Folge 2

Raschel. Kratz. Reiß. Nein, nicht Reiß...aber es hört sich so an*.

Sizilium war kurz davor, eine weitere bahnbrechende Formel, mit der man die zufällige Bewegung von Groß-A-Tuin im Multiversum hätte berechnen können, zu vollenden, als ihn ein Sonnenstrahl an der Nase kitzelte. Flugs schloss der Troll die Augen, und tastete sich zur Tür des Leichenschauhauses. Schnell** war er drinnen und bewegte sich ins Zentrum der Kühlkammer, um den Bleistift erneut aufs Papier zu setzen und in halsbrecherischer*** Geschwindigkeit weiterzuschreiben. Endlich vollendet, klappte Silizium das Blatt um, nicht ohne vorher mit Genugtuung zu merken, dass der Bleistift diesmal tasächlich angespitzt gewesen war, bis zum letzten Gleichheitszeichen und sogar darüber hinaus. Die Gilde der Sternengucker und Astronomen, und wahrscheinlich auch ein paar verrückte Zauberer würden für diese simple**** Formel wahrscheinlich über Leichen gehen. Naja, es war schon hart, wenn man eigentlich nie schlafen konnte. Trolle waren nun mal immer wach, und wenn man davon absah, dass sie ab und zu ein wenig vor sich hin dämmerten(aber nur, wenn die Unterlage flauschig weich und die Musik passend war), dann konnte man sagen, bis zu ihrem "ewigen Schlaf", während dem sie sich stetig in die Steine, die sie eigentlich waren, zurückverwandelten, außer sie wurden durch unglückliche Umstände (Lagerfeuer auf der Zunge, Expeditionen in den verdauungstrakt usw.) geweckt, also, bis dahin eben, waren Trolle ständig wach. Man musste sich also beschäftigen, und warum eben nicht mit Sachen, die das Oberstübchen auf Trab hielten?

Um zum Thema Schlaf zurückzukommen, Silizium hatte in einer besonders kalten Nacht entdeckt, beziehungsweise hatte es mit sich ausdiskutiert, dass es eigentlich Verschwendung sei, tagsüber, bei Hitze und solchen Sachen, die den Kopf schwergängiger machten, irgendwie aktiv zu sein. Deswegen hatte er sich ein kuschelig weiches***** Lager im Kühlraum des Leichenschauhauses eingerichtet (und, streng genommen, war es ihm auch recht egal, was die Untoten tagsüber trieben. Sein Dienst begann erst am Nachmittag, und die drei bis vier Stunden, die er transpirierend und dumm vor dem Tor verbringen musste, bis die Abendkühle einsetzte, waren schon schlimm genug! Einmal hatte er den Troll von der Wache gesehen, Detritus, und er hatte einen kühlenden Helm auf dem Kopf gehabt. Diese Idee hielt Silizium aber für wenig bis ineffektiv. Der ganze Körper musste gekühlt werden, um volle Leistung zu bringen, und das wäre schlicht und einfach nicht praktikabel gewesen.****** Silizium legte sich hin und schloss die Augen.
Irgendwie merkwürdig, als Troll jeden Tag schlafen zu wollen, dachte er sich. Aber vielleicht ist das auch nur der Einfluss der ganzen Leichen.



*=Dies ist das Geräusch, das dabei entsteht, wenn ein Troll mit einem großen Bleistift auf grobem Papier schreibt. Das liegt daran, dass Trolle so erschreckend wenig Feinmotorik besitzen, dass sie eher probieren, Furchen in das Papier zu machen, wenn man es genau nimmt. Manchmal achten sie auch nicht unbedingt darauf, ob ihr Stift angespitzt ist, und dann läuft es wirklich auf das "Furchen machen" hinaus. Deswegen benutzen Trolle immer sehr dickes, sehr reißfestes Papier.

**=Etwas übertrieben. Nur aufgrund der besonderen Spannung verwendetes Adjektiv, nicht auf die tastächliche Bewegungsgeschwindigkeit des Trolles zutreffend.

***= Siehe **.

****=Berechtigte Arroganz durch überlegene mentale Kraft ist in dieser Formulierung überdurchschnittlich gut repräsentiert. Oder nicht?

*****=Es bestand aus Schieferblöcken, die in der Art eines großen Futonbettes angeordnet waren.

******=Erstaunlich, dass jemand die Intelligenz des Leonard von Quirm besitzen konnte, mit der Gabe zum rationellen Abwägen des Patriziers, finden sie nicht auch? Ein Jammer, dass Silizium ein Troll war. Er hätte es weit bringen können.
logo

Semtext's Selbstdarstellung

Raps und Reflektionen, Gedanken und Spinnereien...

Information




Was nicht wert ist, gesagt zu werden, das singt man. (Pierre Augustin Baron de Beaumarchais, frz. Bühnenschriftsteller, 1732-1799)

Das hier ist schlicht, was die Überschrift sagt. Eine Selbstdarstellung. Manche würden sagen öffentliches Tagebuch im lockeren Wochenrythmus, andere wiederum Textsammlung. Mittlerweile auch Rezeptsammlung für Cocktails. Wasauchimmer.

Es ist und bleibt die Selbstdarstellung eines Hobby-Rappers, Poetry Slammers und freiberuflichen Journalisten aus Oldenburg, der von ganz mittig nach ganz oben will. Mit explosiven Texten, die wie Bomben in den Frieden fetzen. Hatte ich mal gedacht. Deswegen der Name Semtext. Wer's nicht kapiert, bitte einfach mal "Semtex" bei Wikipedia oder im Brockhaus nachschlagen.
Man kann von mir mittlerweile auch Texte korrekturlesen lassen.

.

KONTAKT
skype: semtext. (mit dem Punkt!)


Creative Commons License
Dieser Blog ist - bis auf entsprechend gekennzeichnete Ausnahmen - unter einer Creative Commons-Lizenz lizensiert.



Archiv

März 2007
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
 
 

Counter

Counter

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Status

Online seit 4673 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 18. Apr, 03:26

Abendblaetter
Barkeeper's Blog
Cocktails
Demotivationals
Downloads
kleingedrucktes
Leipzig
Lyrics
Nachteulenpost
Pizza Delivery for... I. C. Wiener. Aw, crud.
Plattenkritik
Scheibenwelt
Tagebuch
Über mich
Zitate
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren